Wolkenkuckucksheim

Synchron mit der Wolke


Alles ist jetzt in der Cloud: Blutdruck, Zimmertemperatur, das Mittagessen als Foto und der Mittagsspaziergang danach als GPS-Track. Wenn man sich entscheidet, bei dem Zirkus mit zu machen, funktioniert auch alles ganz passabel, solange man es mit nur einem Anbieter zu tun hat: Eine Webseite, eine Smartphone-App, alles von einer Firma bereitgestellt, meist um die intimen Details an Werbetreibende weiter zu verkaufen.

Ob dieses überwältigenden Hin-und-Hers von Daten ist man geneigt anzunehmen, dass so grundlegende Sachen wie Kontakte, Kalender, Aufgaben und Notizen überall reibungslos synchronisiert werden können. Schließlich konnte ich schon bei meinem Palm Treo 650 problemlos das PC-Programm mit dem klobigen Mobilgerät abgleichen, allerdings ohne Cloud, dafür über Kabel oder Bluetooth. Wenigstens hat da keiner mit gelesen.

Heute hat man die Wahl, sich unter die Apple-Jünger zu begeben, sich von Google bis auf die Knochen durchleuchten zu lassen oder… ja, oder man geht den mehr oder weniger unbequemen Weg.

Der kann so aussehen, dass man andere Firmen findet, die auf seine Kontakte, Kalender etc aufpassen. Oft stehen deren Server -wie die von Google- auch in den Vereinigten Staaten, und oft wird man da genau so als Werbeschlachtvieh behandelt. Hier gilt wie immer der Grundsatz:

Wenn es für Dich kostenlos ist, bist Du nicht der Kunde, sondern das Produkt, das verkauft wird.

(Ausnahmen bestätigen schon mal die Regel)

Man kann sich verschiedene, werbefinanzierte Dienste suchen, die dann einzeln alle Funktionen von Google übernehmen. Das ist aber nur unwesentlich befriedigender für Menschen, die -aus welchen Gründen auch immer- ihre privaten Daten nicht überall auf der Welt verteilen wollen.

Was mensch (im folgenden: ich) also nun gerne hätte, ist ein Dienst, der Kontakte, Kalender Aufgaben, Notizen, Geokoordinaten, Lesezeichen, RSS-Feeds und Dateien sicher, vielleicht sogar verschlüsselt speichert und mit allen Geräten unkompliziert und sicher synchronisiert. Dabei sollte er meine Daten nicht mitlesen. Außerdem will ich beim Zugriff auf das Webinterface nicht mit Werbung zugeschmissen werden. Selbstredend würde so ein Dienst etwas kosten müssen.

Um es vorweg zu nehmen: Leider gibt es so einen Dienst noch nicht. Man kommt aber irgendwie zurecht, auch wenn es lange nicht so komfortabel wie in Googles langen, unangenehm tastenden Armen ist.

Es folgen meine Erfahrungen vom steinigen Weg ins Wolkenkuckucksheim.

Meine Geräte

Am mobilen Ende verwende ich Android, zur Zeit ein Nexus 5 mit Android 6 Marshmallow.
Auf meinem PC läuft aus beruflichen Gründen Windows, allerdings laufen Browser und Mozilla Thunderbird ja genauso unter Linux.

Lesen und Lesezeichen

firefox logoDas Synchronisieren von Lesezeichen, Chronik, und so weiter ist heutzutage mit den meisten Browsern unproblematisch, wenn man auf Mobilgerät und PC den selben Browser benutzt. Das führt bei den meisten Browsern je nach Hersteller wieder zu der oben erwähnten Problematik mangelnder Privatheit bzw mangelnden Vertrauens. Daher verwende ich auf beiden Geräten Firefox, nicht nur – aber auch wegen der Synchronisation, auf dessen Inhalt Mozilla nach eigenen Angaben (dank Verschlüsselung) selbst keinen Zugriff hat.

Les‘ ich später

Pocket logoFinde ich eine Webseite, die ich gerne später lesen möchte, vielleicht an einem Ort ohne Datenanbindung, dann speichere ich sie mit Pocket, dessen App den Artikel lokal auf meinem Telefon speichert. Hinter Pocket steht ein privates Unternehmen, nicht ideal, aber zur Zeit kenne ich nichts Besseres.

RSS-Feeds

gReader logoÄhnlich verhält sich das mit den RSS-Feeds oder auch dynamischen Lesezeichen, mit denen ich verschiedene Nachrichtenseiten verfolge. Früher tat ich das mit dem Dienst Reader von Google. Dieser wurde aber eingestampft, so dass ich auf einen Klon dieses Dienstes, The Old Reader umstieg. Wieder ein privates Unternehmen, das ca 3 mal im Jahr ungefragt ein „gesponsorten Feed“ mit einem Werbeartikel auf mein Gerät schiebt. Wieder nicht ideal, zumal das Nachrichtenverhalten sehr viel über einen verrät. Leider kenne ich auch hier nichts besseres. Angezeigt werden die Nachrichten auf meinem Telefon mit der App gReader, die sehr gut tut, was sie soll. Da ich die Nachrichten ohnehin nur auf dem Telefon lese, werde ich mir die Synchronisation in Zukunft auch sparen.

Mail, Kontakte und Kalender

Memotoo

Nach meinem ersten Emanzipationsschub vor einigen Jahren wurde ich nach einiger Recherche und anschließender Verzweiflung Kunde bei Memotoo.com. (ab 12 €/a) Dieses kleine Unternehmen brüstet sich damit, alles mit allem zu memotoo logosynchronisieren.  Tatsächlich schlagen sie sich damit gar nicht so schlecht. Der Dienst synchronisiert Kalender, Kontakte, Aufgaben und Dateien mit allem, was nicht niet- und nagelfest ist.

Gut gefallen hat mir, dass sich der Dienst nach Eingabe von XING– oder Facebook-Login der verfügbaren Adressen, Geburtstage oder Kontaktbilder meiner Freunde bedient, ohne dass die genannten sozialen Netzwerke sich meiner Memotoo-Kontakte bemächtigen  könnten. Das Angebot von Diensten, Protokollen und entsprechenden Anleitungen ist sehr reichhaltig, so dass ich nicht alles ausprobiert habe.

Für die Synchronisation zu Thunderbird gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, ich benutze das SOGo-Connector-Plugin für die Kontakte über CardDAV, der Kalender wird über CalDAV abgeglichen, das funktioniert alles ganz akzeptabel.

Für die Anbindung des Androiden installiert man sich eine App, die soliden Android-1.6-Charme verströmt und leider auf meinem Telefon beim Erstellen von Kontakten nicht richtig funktioniert.

Die Synchronisierung von Bildern und Dateien benutze ich nicht, daher kann ich wenig darüber sagen. Die Aufgabe und Notizen würde ich gerne nutzen, allerdings habe ich nach der Einstellung von Astrid nie wieder die richtige Aufgaben-App gefunden.

Das neben der Android-App größte Haar in der Suppe ist das Web-Interface, das weder ästhetisch noch funktionell auf der Höhe der Zeit ist, sondern so wirkt wie ein knorriger Baum aus altem PHP, der zudem keine mobile Oberfläche bietet.

Trotz- oder gerade wegen der etwas chaotischen Alles-geht-Atmosphaere finden sich vielleicht einige Leute gut wieder.

mailbox.org

Vor einigen Tagen setzte ich mich nach langer Zeit mal wieder mit dem Thema auseinander. Ich entschied, meinen Mailaccount bei dem Klatschartikel- und Freemail-Anbieter GMX langsam aufs Abstellgleis zu fahren. Gleichzeitig wollte ich auch mit meinen Adressen und dem Kalender umziehen, denn ich hatte genug von halbgaren Bastellösungen.

mailbox.orgIch stieß auf mailbox.org, ein Emailanbieter, der seine Nase glaubhaft aus meinen Daten heraushält und einen sehr professionellen Eindruck macht. Außerdem bietet er Open-Xchange an, eine Anlehnung an Microsoft Exchange, dem Email-, Kalender-, Adressen-und-so-weiter-Server von Microsoft.

Obwohl mailbox.org die Verwendung von CardDAV- und CalDAV-Protokoll nahelegt, versuchte ich zuerst mein Glück mit ActiveSync (den Exchange-Standard) für Kontakte und Kalender. Der Kalenderabgleich funktioniert damit nur sehr lückenhaft, so dass ich doch auf CalDAV setzte und mir die kostenpflichtige App CalDAV-Sync von Marten Gajda zulegte, was auch die Aufgaben brav synchronisiert, wenn man die seine Aufgaben- App benutzt. Ebenfalls von Herrn Gajda ist CardDAV-Sync free, das nun meine Kontakte abgleicht, leider ohne Kategorien.

Für die Mail bleibe ich bei K9 und dem IMAP-Protokoll, mehr dazu weiter unten.

mailbox.org bietet für den gleichen Preis wie Memotoo (ab 12 €/a) neben Kalender, Kontakten etc auch noch einen soliden Maildienst, eine schicke, zeitgemäße Oberfläche und ist ca zwei Größenordnungen professioneller. Dank Herrn Gajda funktioniert die Synchronisation bis jetzt gut.

Eine andere Sache, die ich seit neustem regelmäßig nutzte, ist das schön gemachte Weboberfläche, die neben Mails, Aufgaben, Kalender und Kontakten auch Text und Tabellenverarbeitung à la Google Docs bietet. Besonders nützlich finde ich, dass sich im Email-Client andere Accounts mit Ihren Ordnern über IMAP integrieren lassen, so dass ich alle genutzten Emaildienste auch unterwegs in einem Fenster habe. Dabei ist sogar die Mailverschlüsselung per PGP im Client integriert.

posteo oder fruux dürften ein ähnliches Angebot haben und lohnen vielleicht einen Blick.

Email-Protokolle

Seit der Einführung des IMAP-Protokolls gehören Email (zusammen mit Datei-Synchronisationen) zu den Dingen, die wirklich fast reibungslos funktionieren. Vor dem IMAP-Protokoll wurde das POP3-Protokoll verwendet, das alle eingehende Mail auf dem Server sammelte, bis es abgerufen wurde. Synchronisation war mit POP3 unmöglich, weil sich alle Sortierung und Verwaltung im Mailprogramm auf dem heimischen Computer abspielte. IMAP verwaltet alles auf dem Server, so dass die Ordneraufteilung und u.A. der gelesen-Status im Web, im heimischen Mailprogramm und auf dem Smartphone immer brav abgeglichen sind.

Das Einzige, was meiner Erfahrung nach etwas Gefummel in den Mailprogrammen erfordert, sind die voreingestellten Standardordner. So landet auf dem Telefon gelöschte Mail im Ordner TRASH, während die mit Thunderbird gelöschte Post Beispielsweise im Ordner GELOESCHT landet. Ein kleiner Schönheitsfehler, der sich mit ein wenig Aufwand richtig stellen – oder auch einfach ignorieren lässt.

Dateien

Ähnlich wie Email-Synchonisierung gehören auch Cloud-Speicher zu den zuverlässigen Technologien. Der wesentliche Unterschied liegt vor allem darin, dass Dateien in der Regel erheblich mehr Speicherplatz benötigen, als Adressen, Kalenderdaten oder selbst Emails.

Neben den großen wie Dropbox, Google Drive, Microsoft OneDrive oder Apples iCloud bieten auch die kleinen Anbieter zunehmend Speicherplatz an, so auch mailbox.org. Viel mehr kann ich zu dem Thema auch gar nicht sagen, aber das Internet durfte voll sein von Angeboten und deren Tests und Vergleichen. (an dieser Stelle: FAQ zu Cloud-Speichern auf ct.de)

owncloud logo

Da die Nachfrage, Dateien online zu speichern und zu teilen auch bei den Nerds ausreichend groß war, entstand das Open-Source-Projekt OwnCloud, das jeder auf seinem Server installieren kann. Leider hab ich es noch nicht ausprobiert, es sieht aber sehr interessant aus.

Lernkarten

Exoten gehört ein kleiner, feiner Dienst mit dazugehöriger Android-App und einem PC-Programm namens Anki. Der Schwerpunkt liegt nicht gerade auf Ästhetik und Design, aber wer irgendetwas auswendig zu lernen hat, der sollte sich Anki unbedingt anschauen. Es kostenlos, es gibt viele nützliche, voreingestellte Lernkartensets (Führerscheine etc.) und natürlich ist alles Open Source. Bravo, chapeau, vielen Dank liebe Anki-Schoepfer!